Relationale Führung – Interview mit Matthias Sell

Was ist relationale Führung? Wie eignet sich die Methode zur Re-Aktivierung deines Teams nach der Corona-Zeit im Home Office? Und wieso führt eine Führungskraft ständig Zweiergespräche mit ihren Mitarbeitenden, aber keine Teambesprechungen? Die Antworten auf diese Fragen und vieles mehr über den Ansatz der relationalen Führung hörst du auch in der aktuellen Podcast-Folge bei Permanent Change. Thomas & Thomas sprechen mit dem Psychologen und Transaktionsanalytiker Matthias Sell aus Hannover.

Die Transaktionsanalyse im Wandel der Zeit

Wer bereits seit 40 Jahren große Unternehmen berät und sich vier Jahrzehnte lang mit der Transaktionsanalyse beschäftigt, weiß einiges über Menschen und Führung. Matthias Sell, Jahrgang 1948, ist Geschäftsführer des Instituts INITA in Hannover und hat eine enorme Berufserfahrung vorzuweisen. In seiner Zeit auf diesem Gebiet hat er erlebt, wie die Nachfrage nach Beratung eminent gestiegen ist. „Die Transaktionsanalyse ist eine Art, griffig über Prozesse zu sprechen, die Menschen schnell erfassen können – das hilft bei der Beratung zu Führungsthemen“, erzählt Sell. Moderne wissenschaftliche Ergebnisse wie aus der Gehirnforschung können integriert werden, was die Akzeptanz verschiedener Beratungsmethoden erhöht habe. Neue Ansätze seien außerdem an die Seite der bewährten Konzepte getreten. So auch das Verständnis von der relationalen Führung, für die Matthias Sell ein anerkannter Experte ist.

Relationen setzen auf Gegenseitigkeit

„Was ist das Herausragende an der relationalen Führung?“ wollen die Podcast-Moderatoren Thomas Wehrs und Thomas Lorenzen von Matthias Sell wissen. „Es geht dabei immer um zwei Personen – um mich als Führungskraft und den jeweiligen Mitarbeitenden. Diese beiden Personen muss man zusammen denken, man kann das kommunikativ nicht trennen“, erklärt Sell. Er hebt hervor, dass Relation schon dann beginnt, wenn einer den Raum betritt. Wieviel Beziehung steckt dann in einem womöglich Jahre andauerndem Verhältnis zwischen Führungskraft und Mitarbeitenden? Für den erfahrenen Transaktionsanalytiker und Supervisor ist das eine Selbstverständlichkeit. In der Praxis allerdings erlebt er weiterhin, wie Mitarbeitenden abstrakte Modelle übergestülpt werden und davor zurückgeschreckt wird, sich mit Gegenseitigkeit auseinanderzusetzen. Eine Voraussetzung dafür, das Relationale zuzulassen, sei atmosphärisches Erfahren, so Sell. Deshalb funktionieren Online-Besprechungen auch nur dann in einer gewissen Qualität, wenn man sich bereits gut kennt und die digitale Distanz offen thematisiert. So ist allen klar, dass hier ab und zu mal jemand „hereingeholt“ werden muss.

Eine Bereicherung für die Führung

„Das Relationale ist ein Zuwachs an Reichhaltigkeit des menschlichen Seins – auch in der Führungssituation“, sagt Sell. Erleben lässt sie sich, wenn die Führungskraft offen dafür ist sich selbst zu empfinden. Die Führungskraft führt ihr Team nicht nur in eine Richtung, sondern bringt Bilder und Muster mit, die möglicherweise auf das eigene Führungsverhalten projiziert werden. Abstrakte Modelle von Führung ohne Berücksichtigung der Gegenseitigkeit gehen darauf nicht ein. Sell berichtet von einem Teilnehmer eines Führungskräfteseminars, der immer nur Zweiergespräche geführt hat, aber niemals Teambesprechungen. Im Verlauf wurde klar, dass in seiner Familie alle Themen unter vier Augen besprochen wurden – entweder mit der Mutter oder mit dem Vater. Eine Auseinandersetzung in der Familie gab es nicht. Diese Vorgehensweise hat für die Führungskraft funktioniert und er war stabil in seinem Verhalten. Er enthielt sich allerdings selbst weitreichende Entwicklungsmöglichkeiten vor. Sein Feedback an Sell lautete: „Das war die wichtigste Erkenntnis, in der ich mich erweitern konnte, wo ich mich auch auf andere relationale Situationen einlassen konnte als die bereits eingeübte.“

Die Führungskraft in der dienenden Rolle

Mit einer solchen Sicht auf Führung wird die traditionelle Organisationspyramide, bei der die Führung an der Spitze und die Mitarbeitenden unten stehen, schnell auf den Kopf gestellt. „Die relationale Führung ist demokratisch, partizipativ und auf die Haltung ausgerichtet“, beschreibt Sell. Hier wird die Führungskraft zum Dienenden. Die Führung ist nichts Besonderes, sondern eine Funktion wie die, die die Mitarbeitenden ausführen. Das führt eine größere Komplexität der kommunikativen Bedingungen mit sich. Wer sich darauf einlässt, kann weitreichende Ergebnisse erzielen. Man vereinbart, einen Prozess gemeinsam zu erfinden und dann nur so viel Struktur hinzuzufügen, dass dieser Prozess leicht funktioniert. Die Freude am gemeinsamen Arbeiten steht dabei im Mittelpunkt. Respekt und Toleranz in der Beziehung spielen ebenfalls eine wichtige Rolle. Im Relationalen geht es darum, gemeinsam Bilder zu entwickeln und nicht an vorgefertigten festzuhängen.

Wünschst du dir Inspiration zu deiner Führung? Würde dir Sparring guttun und magst du deine Fähigkeiten noch weiter entwickeln? Dann komm direkt auf uns zu. Thomas & Thomas stehen gern für ein unverbindliches Erstgespräch zur Verfügung. Jeden zweiten Donnerstag hörst du sie im Podcast Permanent Change.

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