Fragen ohne Fragen – ‚Wer fragt, der führt‘ war gestern! Im Interview mit Dr. Michael Korpiun

Der Redner Michael Korpiun löste beim Jahreskongress der Deutschen Gesellschaft für Transaktionsanalyse in Osnabrück ein „stilles Raunen“ aus. Warum? „Wir müssen weg vom Fragen, hin zu Aussagen und zum Dialog im Coaching.“ In den Ohren seiner KollegInnen aus der Transaktionsanalyse klang das nach Paradigmenwechsel. Thomas Lorenzen im Gespräch mit dem Geschäftsführer des In Stability Institutes, langjährigem Coach und Transaktionsanalytiker, Dr. Michael Korpiun, bei Permanent Change.

Transaktionsanalyse für die Praxis

Als Korpiun nach seiner Banklehre und dem Studium der Wirtschaftswissenschaften in einem großen Industrieunternehmen begann, staunte er nicht schlecht: Fachlich gut ausgebildet, fehlten ihm für den Umgang mit Menschen in einem interkulturellen Umfeld einige Fähigkeiten. Als ganz jungem Manager wurde ihm ein Coaching empfohlen. In der Praxis bei einem der Urgesteine der Transaktionsanalyse in Deutschland, Heinrich Hagehülsmann, nahm Michael Korpiuns Begeisterung für die TA ihren Anfang. Heute ist er Organisationsberater, Coach und Geschäftsführer der Akademie In Stability. Mit den Konzepten der TA im Gepäck nutzt und reflektiert Korpiun heute die „handhabbaren Modelle, mit denen sich leichtfüßig und gleichzeitig tiefgründig mit Klienten über Themen und Prozesse sprechen lässt.“

Abschied von „Wer fragt, der führt“

Zurück zu jenem Tag in Osnabrück, an dem Korpiun sein Publikum in stilles Raunen versetzte. Podcast-Moderator Thomas Lorenzen war selbst Zeuge der flächendeckenden Überraschung, die der Redner auslöste: „Lasst uns aussagebasiertes Coaching machen und auf Fragen verzichten.“ Der Redner kannte die Fragen, die sich seinen ZuhörerInnen bei der Tagung aufdrängten, selbst nur allzu gut. „Ich bin der These bei einer Sommerakademie mit anderen Transaktionsanalytiker:innen begegnet. Ich konnte es mir zuerst nicht vorstellen. Wie soll das Gespräch ohne Fragen denn strukturiert werden?“ Während der intensiven Woche mit Kolleg:innen wurde experimentiert und reflektiert. „Da wurde mir klar: Bereits die erste Frage in einem Coaching hat oft einen leitenden, fokussierenden Charakter“, sagt Korpiun.

‚Wer fragt, der führt‘, zitiert er das bewährte – und vielleicht überholte – Mantra innerhalb der Führung. Der Fragende nimmt Einfluss darauf, wie im Gespräch Aufmerksamkeit gelenkt wird. „In der Transaktionsanalyse“, fügt Thomas Lorenzen hinzu, „gehen wir davon aus, dass Menschen selbstbestimmt sind. Sie sind in der Lage, selber zu denken und Entscheidungen zu treffen. Leitende Fragen widersprechen eigentlich dieser Annahme.“ Genau das sei der Hintergrund für aussagebasiertes Coaching, meint Korpiun. „Fragen bringen eine Autoritätslast mit. Meist liegt die Wurzel der Bewertung vom Fragen im Kontakt zwischen Eltern und Kindern. Eltern fragen, Kinder antworten. Ist das im Coaching gewollt?“ sagt Korpiun und gibt sich selbst die Antwort: “The power is in the patient”, so die Worte des TA-Begründers Eric Berne. Ein guter Grund, seine Klienten über Aussagen selbst denken zu lassen, meint der Coach.

Aussagebasierte Gespräche mit offenem Ausgang

Wie funktionieren Gespräche ohne Fragen nun in der Praxis? „Zweifellos erfordert diese Art des Coachings etwas Übung und eine Menge Bewusstheit. Es hilft sich klarzumachen, dass der Fragende oft etwas versteckt. Wenn wir Fragen stellen, erwarten wir häufig, dass die Antwort nach unserer Vorstellung ausfällt. Dann können selbst offene Fragen leitend sein“, erzählt Korpiun. Er hat eigene Experimente mit aussagebasierten Gesprächen durchgeführt. Er erläutert den Effekt am Beispiel regelmäßiger Kaminabende eines Vorstandes mit verschiedenen Mitarbeitenden: “Ein konventioneller Abend bestand darin, dass die Mitarbeitenden fragen und der Vorstand antwortet. Das fragebasierte Gespräch verlief stets sternförmig. Als die Mitarbeitenden und der Vorstand dann dazu aufgefordert wurden, ihre eigenen Positionen zur Verfügung zu stellen – ohne zu fragen, entwickelte sich der Abend offen. Viele verschiedene Themen wurden angesprochen und neue Öffnungen gefunden.“ Auch zwischen Coach und Klientin oder zwischen Chefin und Mitarbeiter, bietet aussagebasierter Austausch Kontakt auf Augenhöhe. Wer weiß, welche Ideen und Möglichkeiten sich damit bieten.

Möchtest du selbst einmal mit deiner Gesprächsführung experimentieren? Wünschst du dir Inspiration und neue Ansätze für deine Führung? Die Coaches hinter Permanent Change stehen dir gern für den Austausch auf Augenhöhe zur Verfügung. Weitere Themen und Anstöße gibt es aller 14 Tage bei Thomas & Thomas im Podcast.

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